Ostermontag habe ich den FriedWald in Schwanberg besucht, der gerade von einer Decke aus blühenden Buschwindröschen überzogen ist. Er befindet sich in einem größeren Waldstück und kann genauso betreten werden wie der Rest des Waldes. Eine Informationstafel am nördlichen Rand des FriedWalds bittet um respektvolles Verhalten und verzeichnet das genaue Gebiet für die Bestattungen. Sonst erkennt man erst nach einer Weile an zurückhaltenden grauen Täfelchen und ein paar farbigen Bändern um einige Baumstämme, dass etwas anders ist. Gräber und Einfassungen sieht man nicht.

Eine Schautafel zeigt das Gebiet des Friedwalds an. Weiter ist es nicht markiert.
In Bayern gibt es bisher zwei FriedWälder und drei RuheForste, in denen sich Menschen unter Bäumen, manchmal neben großen Findlingen oder unter Sträuchern bestatten lassen können. Sie gehören zu einem neuen Bestattungskonzept, das offenbar sehr viele Menschen anspricht. In Deutschland herrscht Friedhofszwang, das heißt, ein Verstorbener darf ausschließlich auf einem Friedhof beigesetzt werden, nicht im Garten, nicht im eigenen Wald, nicht auf der Wiese, auch nicht in der Urne auf dem Kaminsims. Immer mehr Menschen wünschen sich das aber. Und seit 2001 im Reinhardswald bei Kassel der erste FriedWald eröffnet worden ist, gibt es auch in Deutschland die Möglichkeit, sich im Wald bestatten zu lassen.
Die Zahl dieser Bestattungswälder wächst stetig, sie heißen auch Ruhehaine oder Ruheparks. Alle haben rechtlich geschützte Namen. Ihre Konzepte sind sich aber ähnlich.
Wer seine letzte Ruhe im Wald finden möchte, sucht sich zu Lebzeiten mit dem Förster des Waldes einen Baum aus, unter dem er allein, mit seinem Partner, seiner Familie, seinen Freunden oder in loser Gemeinschaft begraben wird. Eine Feuerbestattung ist vorgeschrieben, denn nur Urnen können beigesetzt werden. Erdbestattungen sind nicht möglich. Der Baum wird reserviert und in einem Register vermerkt. Bis zu 99 Jahre ist die Grabstelle an einen Verstorbenen vergeben.
Die Dauer wird gerechnet ab Eröffnungsdatum des Waldes. Die lange Nutzungsfestschreibung dient auch dem Naturschutz.

Rote Bänder zeigen Partnerbäume, blaue Bänder Familienbäume an. Außerdem gibt es gelbe Bänder für Gemeinschafts- und orange Bänder für sogenannte Prachtbäume, die etwas mehr kosten.
Nach der Bestattung, die mit oder ohne Trauerfeier und ganz individuell begangen werden kann, übernimmt die Natur die Grabpflege. Große Trauergaben wie Kränze und Gestecke sind nicht erlaubt, wohl aber eine naturnahe Gestaltung mit den Werkstoffen des Waldes und wenigen Blumen oder Blütenblättern. Einige Wochen später sieht man schon nichts mehr von der Begräbnisstätte. Sie ist mit Laub bedeckt, Moos und Waldblumen wachsen darüber. Nur ein Schild, das an den Baumstamm genagelt ist, erinnert an die Verstorbenen, die hier ruhen.

Ein Tafel nennt die Verstorbenen, eine kleine Plakette kennzeichnet die Position des Baumes.

Keine Spur ist zu sehen, wenn die Bestattung eine Weile zurückliegt, nur Laub und ein paar Buschwindröschen.
Das ist zuerst befremdlich, wenn man darüber nachdenkt, aber auch wunderschön.
Ich finde es tröstlich, in dieser Ruhe in den Kreislauf zurück zu kehren, aus dem ich entstanden bin. Und viel natürlicher als einen innerstädtischen Friedhof, in dem zwischen Grabeinfassungen in Reihen gelegen wird.
Ich habe in den Tagen nach meinem Besuch am Schwanberg mit vielen Menschen über Friedwälder gesprochen. Viele fanden die Vorstellung schön, unter Bäumen zu liegen. Andere hatten Angst, so alleine im Wald. Die größten Vorbehalte äußerten die, die sich in die Position der Hinterbliebenen versetzten. Ihnen fehlt der Ort der Trauer. Für die meisten ist der nächste Bestattungswald zu weit entfernt, um dort einfach hinzufahren, wenn sie bei ihren Verstorbenen sein möchten.
Viele Menschen scheinen das aber für den Wunsch nach Individualität und der Sehnsucht nach Naturnähe in Kauf zu nehmen und mit der Offenheit für andere Religionen auch als richtiger zu empfinden.
Ich persönlich hoffe, dass bald mehr Ruhewälder entstehen. Dann kann ich eines Tages im Wald liegen, und meine Kinder schauen beim Sonntagsspaziergang auf einen Sprung bei mir vorbei.